„The Kindness of Strangers“: Kritik des Eröffnungsfilms der 69. Berlinale

Es ist das „New York unter New York“, das die dänische Filmemacherin Lone Scherfig nach eigenen Worten interessiert: Die Menschen in den Suppenküchen, die noch einen Prada-Mantel tragen, weil es gerade sechs Monate her ist, dass sie erst ihren Job und dann auch ihre Wohnung verloren haben. Oder Leute wie Clara (Zoe Kazan), die in Scherfigs neuem Film „The Kindness of Strangers“ zusammen mit ihren zwei Söhnen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den Schlägergatten verlässt und in New York strandet. Der Winter dort ist hart, aber nicht hoffnungslos – wie das märchenhafte Drama suggeriert, das am Donnerstag die 69. Berlinale eröffnete.
Es sind die unterschiedlichsten Figuren, die sich in dem Ensemblefilm durchs Leben schlagen – die selbstlose, aber einsame Krankenschwester Alice (Andrea Riseborough), die nach der Arbeit die Selbsthilfegruppe „Vergebung“ leitet, der Ex-Häftling Marc (Tahar Rahim), dessen Bruder an einer Überdosis starb, während er selbst im Knast saß, oder der ständig frisch gefeuerte Jeff (Caleb Landry Jones), der unbeholfen noch nach seinem Platz sucht.
Als Claras Auto nach zu vielen Strafzetteln abgeschleppt wird, ist die kleine Familie quasi obdachlos, hängt in der Bücherei ab und schläft heimlich unter einem Tisch in Timofeys (Bill Nighy) russischem Restaurant „Winter Palace“. So wird das altehrwürdige Lokal, das Marc übernommen hat und in altem Glanz erstrahlen lassen will, nicht nur zum Zufluchtsort für Clara und ihre Söhne Anthony und Jude. Nach und nach kehren alle unglücklichen Seelen dort ein und Wege kreuzen sich – leider teilweise etwas konstruiert.
„Filme, die Menschen vereinen, statt sie zu trennen“
Eigentlich wäre „The Kindness of Strangers“ der ideale Film für die Weihnachtszeit. Er zeigt Menschen in Krisen und Ausnahmesituation, und in einer simplen Antwort wie sich das Blatt durch ein bisschen Nächstenliebe oder einfach nur ein bisschen weniger Wegsehen wenden kann. Das klingt kitschig, und ist es oftmals auch, und trotzdem natürlich ein berechtigter Appell. „Wir brauchen Filme, die Menschen vereinen, statt sie zu trennen“, betonte der britische Schauspieler Nighy bei der Vorstellung des Dramas, das sich um einen Goldenen oder Silbernen Bären bewirbt.
Scherfig war 2001 für die Low-Budget-Komödie „Italienisch für Anfänger“ mit einem Silbernen Bären geehrt worden. Über ihren aktuellen Wettbewerbsbeitrag, der am Donnerstagabend in Berlin Weltpremiere feierte, sagte sie jüngst in einem Interview mit dem „Hollywood Reporter“: „Es ist kein politischer Film, aber weil es um Mitgefühl und Obdachlosigkeit geht – oder Menschen, die aus dem System fallen – hat er vielleicht schon mit der aktuellen Situation in den USA zu tun.“
Das Drama passt auf jeden Fall in das vor der Berlinale von Direktor Dieter Kosslick ausgegebene Motto: „Das Private ist politisch.“ Ein perfekter Start in das Filmfest ist es indes leider nicht. Aber „The Kindness of Strangers“ hat uns ja gerade Vergebung gelehrt.
„The Kindness of Strangers“: Kritik des Eröffnungsfilms der 69. Berlinale

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