UNDER THE SILVER LAKE (2019)

Regie und Drehbuch: David Robert Mitchell, Musik: Disasterpeace
Darsteller: Andrew Garfield, Riley Keough, Topher Grace, Patrick Fischler, Jimmi Simpson, Riki Lindhome, Jeremy Bobb, Laura-Leigh, Zosia Mamet, Callie Hernandez, Luke Baines, Summer Bishil, Grace Van Patten, David Yow, Rex Linn, June Carryl, Adam Bartley, Wendy Vanden Heuvel, Don McManus, Sydney Sweeney, India Menuez, Chris Gann, Karen Nitsche
Under the Silver Lake

Silver Lake, ein Vorort von Los Angeles: Ein Serien-Hundekiller verbreitet Angst und Schrecken, während die Nachrichten vom mysteriösen Fall des vermißten Milliardärs Jefferson Sevence dominiert werden. Derweil ist der Mittdreißiger Sam (Andrew Garfield, „The Amazing Spider-Man“) quasi pleite und steht kurz vor dem Rausschmiß aus seiner kleinen Wohnung in einer schäbigen Apartmentanlange in Silver Lake. Trotzdem verbringt er die Zeit nicht allzu sinnvoll, sondern hängt größtenteils herum, trinkt, kifft und beobachtet per Fernglas seine ältere, meist oben ohne rumlaufende Hippie-Nachbarin sowie die attraktive Sarah (Riley Keough, „Mad Max: Fury Road“). Als er sich schließlich traut, Sarah anzusprechen, verstehen sie sich ziemlich gut und verabreden sich zu einem Treffen am nächsten Abend – doch nicht nur taucht Sarah nicht auf, Alex muß vielmehr feststellen, daß ihr Apartment ausgeräumt und sie verschwunden ist. Die Polizei interessiert das wenig, also macht sich Sam selbst auf die Suche, indem er eine junge Frau verfolgt, die er aus Sarahs verlassener Wohnung kommen sieht. Der Beginn einer Irrfahrt, die Sam in die unterschiedlichsten, von skurrilen bis exzentrischen Figuren bevölkerten Orte in Silver Lake bringt und ihn die Bekanntschaft eines paranoiden Untergrund-Comicautors (Patrick Fischler, „Hail, Caesar!“), des „obdachlosen Königs“ (David Yow, „Southbound“) und von Jefferson Sevences Tochter Millicent (Callie Hernandez, „La La Land“) sowie diverser Indie-Schauspielerinnen mit Zweitjob, eines steinreichen Songwriters (Jeremy Bobb, TV-Serie „The Knick“) und der aufstrebenden Band „Jesus and the Brides of Dracula“ machen läßt …


Kritik:
Nachdem der US-amerikanische Filmemacher David Robert Mitchell 2014 mit seinem zwar mit einigen inhaltlichen Logik- und Glaubwürdigkeitsfehlern behafteten, aber ungemein detailverliebt und stimmungsvoll inszenierten Gruselfilm „It Follows“ vor allem die Kritiker begeisterte, war die Spannung bezüglich seines nächsten Films hoch. Da der Low Budget-Film „It Follows“ auch kommerziell sehr einträglich war, vertraute das für anspruchsvolle Independent-Filme wie „Under the Skin“„Raum“„The Witch“, „The Lobster“, „Moonlight“ oder „Hereditary“ bekannte Studio A24 Mitchell für sein Neo-Noir-Drama „Under the Silver Lake“ immerhin $8,5 Mio. an und plante in den USA einen groß beworbenen breiten Start im lukrativen Vorweihnachtsgeschäft 2018 ein. Nach einer relativ verhaltenen Premiere in Cannes mit sehr gemischten Kritiken sowie wenig verheißungsvoll verlaufenen Test-Screenings wurde der US-Start allerdings auf 2019 verschoben und dürfte mangels Erfolgsaussichten sehr schmal ausfallen. Bedeutet das nun, daß „Under the Silver Lake“ eine qualitative Enttäuschung ist oder sogar ein schlechter Film? Keineswegs! Tatsächlich zählt Mitchells ebenso komplexes wie skurriles Los Angeles-Abenteuer für mich zu den besten Filmen des Jahres – jedoch kann ich die Skepsis von A24 sehr gut nachvollziehen, denn während eigentlich schon „It Follows“ klare Arthouse-Ware war (die aber dank einer leicht irreführenden Werbekampagne als vermeintlich klassischer Horrorfilm auch in Multiplex-Kinos recht gut lief), ist „Under the Silver Lake“ so weit vom Mainstream entfernt, wie man sich das nur vorstellen kann …

Dies beginnt schon mit Protagonist Sam, denn der von Andrew Garfield glaubwürdig ambivalent verkörperte Taugenichts entspricht eher nicht der Definition eines typischen Filmhelden. Schon eher ist der ziellose Hobby-Stalker ein Antiheld, der sich allerdings ironischerweise auf eine Art mythologische Heldenreise macht, die ihn wie Orpheus auf die Suche nach seiner Eurydike in die Unterwelt (hier: von Los Angeles) schickt oder wahlweise auch auf eine an Hindernissen reiche Odyssee. Diese ein wenig anekdotenhaft geschilderte und mit zunehmend aberwitzigen Begegnungen gespickte rauschhaft-skurrile Reise offenbart so einige filmische Vorbilder, denen David Robert Mitchell gekonnt Hommage zollt. Am offensichtlichsten ist die Verwandtschaft mit Federico Fellinis „La Dolce Vita“ und Paolo Sorrentinos (selbst stark von Fellini geprägtem) „La Grande Bellezza“, denn ebenso wie in diesen Filmen streift der Protagonist mehr oder weniger ziellos durch eine nächtliche, von merkwürdigen Gestalten bevölkerte Großstadt. Zugegeben, bei „Under the Silver Lake“ erstreckt sich die Handlung nicht nur über eine einzige Nacht und außerdem sind seine Figuren erheblich schräger als zumindest die bei Fellini – dennoch sind die stilistischen und atmosphärischen Ähnlichkeiten unverkennbar, wobei bei Mitchell noch eine deutliche Film noir-Note hinzukommt. Die wiederum sorgt dafür, daß der Film, dem „Under the Silver Lake“ vom Tonfall her am stärksten ähnelt, Paul Thomas Andersons ähnlich kontrovers diskutierte, von mir aber sehr verehrte Thomas Pynchon-Adaption „Inherent Vice“ ist, mit der Mitchells Werk zudem das Hippie-Flair und die generelle Absurdität teilt. Parallelen sind aber auch zu David Lynchs ebenfalls in Los Angeles angesiedeltem „Mulholland Drive“ zu erkennen, während der (angesichts Sams Alters etwas verspätet einsetzende) Coming of Age-Aspekt und das Faible für Verschwörungstheorien und Codes an Richard Kellys „Donnie Darko“ erinnert – und sogar Hitchcock kann man zu Mitchells Inspirationsquellen zählen, denn wie so viele von dessen Helden gerät auch Sam als unbedarfter Durchschnittstyp in einen immer komplizierter werdenden Kriminalfall, den er so wenig durchschaut, daß er fast immer nur reagieren kann.

Das alles mag nun so klingen, als hätte sich Mitchell bei so vielen Vorbildern bedient, daß er nichts Eigenständiges mehr hätte addieren können – doch ist dies zum Glück nicht der Fall. Mitchell nimmt all diese Elemente, ergänzt sie um einige spannende eigene Ideen, schüttelt sie kräftig durch und setzt sie dann neu zusammen. Wie man sich denken kann, paßt beim Resultat nicht jedes Teil punktgenau zum anderen und mancher Handlungsstrang verläuft sich etwas unbefriedigend im Nichts, aber dafür ist „Under the Silver Lake“ so abwechslungsreich und unvorhersehbar geraten, daß man als für ungewohnte, unkonventionelle Strukturen offener Zuseher große Freude daran entwickeln kann. Allein das Panoptikum merkwürdiger Gestalten, die Silver Lake bevölkern, sucht seinesgleichen. Vermutlich kommt das manchem Zuschauer in dieser Häufung etwas gezwungen vor, aber wer sich damit abfinden kann, daß „Under the Silver Lake“ eher ein sehr seltsames Märchen ist als ein in der Wirklichkeit verhaftetes Drama, der bekommt hier Einiges geboten. Zu viel verraten will ich selbstredend nicht, aber mein absolutes Highlight ist der namenlos bleibende, steinalte Songwriter, der Sam mit einem kleinen Medley offenbart, wie viele Welthits (angeblich) in Wirklichkeit er komponiert hat … Wie phantastisch man diese ultimativ absurde Sequenz findet, hängt zwangsläufig damit zusammen, wie viele und welche der Melodien man erkennt – in meinem Fall sicher nicht alle, aber offensichtlich einige mehr als die meisten Zuschauer der von mir besuchten Vorstellung, denn zumindest eine (die Spekulationen über das wahre Alter des Songwriters befördert) hat sich definitiv eine laute Publikumsreaktion verdient! Generell spielt Musik eine große Rolle in „Under the Silver Lake“, sowohl was die elegant-stilvolle, an lang vergangene Hollywood-Zeiten erinnernde Begleitung von Sams Irrfahrt betrifft als auch direkt inhaltliche Entwicklungen wie die mit dem Songwriter, aber auch mit der obskuren Band „Jesus and the Brides of Dracula“ sowie diversen Partys und Nachtclubs, die auf Sams Weg liegen.

Weitere Motive, die sich neben der Musik durch den ganzen Film ziehen, sind neben reichlich Nacktheit und bemerkenswert häufig vorkommenden Friedhöfen eine vielfältige Mystik (mit der einer fiktiven urbanen Legende entsprungenen mörderischen Kreatur „Owl’s Kiss“ und der Story vom „Dog Killer“, einem auf einen Hundestar neidischen erfolglosen 1940er Jahre-Schauspieler, der der nächste Douglas Fairbanks werden wollte …) und – wiederum passend zum Noir-Stil – eine auffällige Häufung älterer bis antiker Technik und Kunst (Videorecorder,Plattenspieler, der Stummfilm-Klassiker „7th Heaven“ mit Janet Gaynor). Bei diesem Füllhorn verrückter Ideen und Charaktere läßt es sich kaum vermeiden, daß die Figurenzeichnung etwas leidet. Abgesehen von Sam bleiben dem Publikum fast alle Personen fremd, wenn sie auch fraglos so einzigartig gestaltet sind, daß viele von ihnen einem im Gedächtnis bleiben, obwohl die meisten nur in ein oder zwei Szenen eine Rolle spielen wie Sams lose Schauspieler-Freundin (Riki Lindhome aus der Comedyserie „Another Period“) oder sein scheinbar einziger echter Freund (Topher Grace, „Predators“). Dazu paßt, daß wir von vielen nicht einmal die Namen erfahren – wobei das im Grunde genommen zu deren Vorteil ist, denn wenn eine Figur in „Under the Silver Lake“ einen Namen erhält, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß ihre Story von einer mehr oder minder großen Tragik und Abgründigkeit geprägt ist. Letztlich kann ich viel über diesen Film schreiben, gerecht werde ich ihm damit höchstwahrscheinlich trotzdem nicht – „Under the Silver Lake“ ist einfach ein höchst unkonventioneller, mit den Erwartungen des Publikums spielender Film, der gar nciht jedem gefallen will und den man mehr fühlen als intellektuell verstehen muß, um ihn genießen zu können. Mir ist das gelungen und ich hoffe, daß es vielen anderen auch gelingt. Denn ich wünsche mir definitiv mehr Filme in der Art von „Inherent Vice“ oder „Under the Silver Lake“ (auch wenn ich damit zu einer klaren Minderheit gehören dürfte).

Fazit: „Under the Silver Lake“ ist ein etwas unebenes, mitunter ziellos erscheinendes, jedoch ungemein stimmungsvolles, komplexes und (für manche Zuseher sicher zu) rätselhaftes Noir-Drama, das Andrew Garfield auf eine herrlich absurde Irrfahrt durch die abseitigeren Gegenden der Stadt der Engel schickt.

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