Quigley – Der Australier | Filmkritik & Review zum Mediabook

Australien um 1870. Der amerikanische Scharfschütze Matthew Quigley (Tom Selleck) erreicht auf einem Segelschiff den Kontinent am anderen Ende der Welt. Er ist auf dem Weg zu einem neuen Job. Der australische Großgrundbesitzer Elliot Marston (Alan Rickman) hat ihn aufgrund seiner ihm vorauseilenden Fähigkeiten zum Schutze seiner riesigen Farm vor umherstreunenden Dingos engagiert. Quigleys Spezialität ist das Erlegen von Beute aus großer Distanz. Mit seinem Sharp´s Rifle, einem legendären Gewehr mit überlangem Lauf, soll er Ziele aus einer Entfernung von über einem Kilometer erlegen können. Vor wem er die Farm von der Größe eines europäischen Landes tatsächlich beschützen soll, weiß Quigley zu Beginn seiner Reise noch nicht. Doch eine erste unsanfte Begegnung mit Marstons Männern, die ihn zusammen mit Handelsgütern und Huren vom Hafen zu seiner neuen Arbeit bringen sollen, lässt bei Quigley bereits erste Zweifel an der Richtigkeit seiner Aufgabe aufkommen. Diese werden noch dadurch verstärkt, dass sie auf ihrer tagelangen Reise auf einen Trupp der britischen Armee stoßen, der die Leiche eines erschossenen Aborigines mit sich führt. Dem angeblichen Pferdedieb müsse so kein teurer Prozess mehr gemacht werden. So wird diese erste Begegnung Quigleys mit einem toten Ureinwohner zu einem Sinnbild, welches ihn auf seiner weiteren Reise durch das australische Outback noch weiter begleiten wird. Das Leben eines Ureinwohners ist nicht viel wert.

Begleitet wird er seit seiner Ankunft auch von der ein wenig unbedarft und leicht durchgeknallt wirkenden Hure Cora (Laura San Giacomo, SEX, LIES AND VIDEOTAPES, PRETTY WOMAN), die ihn ständig mit dem Namen ihres Ehemannes Roy anspricht. Auch sie ist aus Amerika und scheint sich wie Quigley nicht völlig darüber im Klaren zu sein, welche Aufgaben hier wirklich auf sie zu warten scheinen. Im weiteren Verlauf des Films zeigen sich immer mehr die wahren Absichten und Schicksale der einzelnen Figuren. Während sich Quigley und Marston dagegen als klassische Antagonisten im Kern treu bleiben, macht Cora die größte Entwicklung durch. Ihre Geschichte wird zum emotionalen Mittelpunkt. Dabei erweitert sich gleichzeitig auch der Blick auf ein Land mit deutlichen Parallelen zum Wilden Westen des 19. Jahrhunderts: Dort die Indianer, hier die Aborigines als Opfer weißer Besiedelung. Quigley wird so immer mehr zu einem Kämpfer gegen mörderische Unterdrücker und zu einem Rächer für die Ureinwohner dieses Kontinents Down Under.

© Capelight Pictures

Die Inszenierung

In atemberaubend schönen Bildern lassen uns Regisseur Simon Wincer (LONESOME DOVE, THE LIGHTHORSEMEN ) und Kameramann David Egby(MAD MAX) die Weite Australiens fasst körperlich erfahren. Hier ist der Film ganz klassischer Western. Getragen von einer einprägsam melodischen Americana Filmmusik, des leider viel zu früh verstorbenen Basil Poledouris (CONAN DER BARBAR, ROBOCOP) tauchen wir tief in DAS klassische Filmgenre Hollywoods ein. Ergänzt durch eine authentische Ausstattung und akribisch recherchierte Kostüme betreten wir wie selbstverständlich die späten 60er Jahre des 19. Jahrhunderts. Neben einer sehr sensiblen Schauspielführung, besonders in den gemeinsamen Szenen zwischen Tom Selleck und Laura San Giacomo, legt Wincer einen Schwerpunkt auf die akkurate Darstellung der Waffen und wie sie benutzt werden. Quigleys imposante Sharp Flinte bekommt hierbei eine besondere Rolle zugewiesen. Ihre Optik, Mechanik und enorme Reichweite lässt diese Waffe zu einem eigenen Charakter werden. Auch dass Quigley sein Gewehr wie selbstverständlich für andere Zwecke einsetzt zeigt die enge Beziehung des Helden zu seinem Handwerkszeug. Nicht umsonst wurde der Film über die Jahre zu einem Standardwerk von Waffenliebhabern. Genau auf diesen Aspekt geht ein eigenes EXTRA der Blu-raynoch genauer ein. Eine wohltuende Besonderheit der Inszenierung ist, dass Wincer den Gebrauch von Waffen, bei aller Akribie der Darstellung, nicht glorifiziert. Waffen waren notwendig, um sich und die Menschen, die einem etwas bedeuteten, zu beschützen.Wirklich beeindruckend ist hierzu eine Szene in der Cora sich und ein Baby gegen angriffslustige Dingos mit einem Colt verteidigen muss. Hier inszeniert Wincer den Ablauf des Schießens und seine Folgen als einen brutalen und mechanisch schwer durchzuführenden Akt auf Leben und Tod.

Genau diese Authentizität und seine sehr behutsame Darstellung menschlichen Verhaltens, sieht man selten in einem Abenteuerfilm, der in erster Linie unterhalten will. Und das tut QUIGLEY auf mehreren Ebenen. Er bietet tolle Bilder, mitreißende Action, wirkliche Charaktere und eine humanistische Botschaft, die sich wie selbstverständlich in den Ablauf der Handlung einbettet.

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Die Themen

Ein weites Land – Pioniere die sich dieses Land auf einem neuen Kontinent für ein neues Leben erobern – Die Ureinwohner dieses Landes, die zu Opfern dieser Eroberung werden – Ein einsamer Held, aus den Reihen der ursprünglichen Eroberer, der sich auf die Seite der Ureinwohner schlägt und so seine wahre Bestimmung findet. Dadurch, dass der uns so gut bekannte amerikanische Lonesome Cowboy auf einem anderen Kontinent nahezu die gleiche Situation wie bei sich zu Hause vorfindet, macht QUIGLEY DER AUSTRALIER zu einem besonderen Vertreter des Westerngenres.

Die Spiegelung des Wilden Westens in der ebenso weiten Landschaft Australiens, macht diesen Film zu einer sehr universellen Geschichte über die Tragik europäischer Kolonialisierung. In beiden Fällen wollen sich die Siedler vom Herrschaftsanspruch der englischen Krone lösen und die Unabhängigkeit vom Mutterland erzwingen. Spannend hierbei der Kreislauf der Gewalt. Einerseits wehren sich die Siedler gegen den gewaltsamen Einfluss Englands, der ihre neue Freiheit beschränken möchte. Doch auf der anderen Seite rauben sie den Ureinwohnern deren Freiheit, indem sie ihr Land stehlen, sie entweder töten, in Reservate sperren, ihre Kinder umerziehen und so ihre komplette Geschichte auslöschen wollen.

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Die Figur des Cowboys

Eine weitere spannende Spiegelung ist die Idee des Cowboys in den Figuren Quigleys und des Landbesitzers Marston. Der Australier Marston ist ein großer Bewunderer Amerikas. Dabei faszinieren ihn nicht nur, die für einen Australier dieser Zeit fortschrittlichen Waffen, sondern auch die Konsequenz mit der sie in Amerika benutzt werden. Er selbst ist passionierter Besitzer eines Colts, also der typischen Cowboywaffe, die sich schnell ziehen und ebenso abfeuern lässt. Quigley dagegen bevorzugt das aus seiner Sicht ehrenvollere Gewehr, welches nur mit hoher Kunstfertigkeit und Geduld geführt werden kann.

Auch in der konsequenten Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner haben beide Figuren unterschiedliche Haltungen. Schön zusammen gefasst in einer Szene in der beide gemeinsam zu Abend essen. In beiden Punkten ist Quigley seinem australischen Gegenüber bereits um eine Morallänge voraus. Für ihn sind Handfeuerwaffen, sowie das Abschlachten der Indianer barbarisch und Zeichen einer Entmenschlichung seiner bisherigen Heimat. Seine Hoffnung diesen Entwicklungen entfliehen zu können, wird gerade durch die machtvolle Figur Marstons schnell zunichte gemacht. Unmenschlichkeit ist ein globales Phänomen, dem er sich nicht durch Flucht, sondern nur durch Handeln im Hier und Jetzt universal stellen kann. So wird Australien für ihn auch zum Schauplatz eines finalen Shootouts mit den Dämonen seiner Herkunft. Das finale Duell zwischen den beiden wird so auch zu einem unausweichlichen Kampf zweier Weltanschauungen. Archaischer Eroberer gegen fortschrittlich denkenden Menschenfreund. Cowboy ist nicht gleich Cowboy.

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Der Völkermord

Durch die Verlegung der Handlung nach Australien erzielt der Film einen besonderen Effekt. Zum einen rückt er das bis dato wenig thematisierte Schicksal der Aborigines in den Mittelpunkt und lässt gleichzeitig das identische Schicksal der amerikanischen Indianer mitklingen. In einer Szene, die sich an ein wirkliches Massaker an den Ureinwohnern anlehnt, wird die menschenverachtende Natur weißer Siedler sichtbar. Auch dass am Ende Quigley den Ureinwohnern sein Leben verdanken kann, zeugt von einer sehr differenzierten Haltung gegenüber den Aborigines. Gerade solche Szenen heben QUIGLEY über das übliche Mainstream Action Kino hinaus. Nicht umsonst wurde der Film genau für seine humanistische Haltung mehrfach von Menschenrechtsverbänden gelobt und ausgezeichnet.

Einziger Kritikpunkt hier, dass wir die Ureinwohner eher von außen betrachten. Kein einziges Mal entsteht ein wirklicher Dialog mit einem ihrer Vertreter. Lediglich der Hausdiener auf Marstons Farm erhält den Hauch eines Charakters. Doch auch er bleibt weitestgehend stumm. So müssen die weißen Figuren zu ihrer Stimme werden.

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Das Projekt

Viele Jahre trug Autor John Hill diese Idee und erste Drehbuchentwürfe durch Hollywood. Steve Mc Queen war wohl sehr angetan und wollte nach JEDER KOPF HAT SEINEN PREIS (THE HUNTER, 1980) höchstpersönlich den Quigley spielen. Leider verstarb er kurz nach den Dreharbeiten seines letzten Films an Krebs. So erlitt QUIGLEY DOWN UNDER das Schicksal vieler Westernprojekte. Mit dem epochalen Misserfolg von HEAVEN’S GATE(Michael Cimino, 1979) hatte ausgerechnet ein Western nicht nur United Artists an den Rand des Ruins geführt, sondern auch das Studiosystem im Ganzen bis aufs Mark verunsichert. Es dauerte bis 1985, dass mit SILVERADO (von Lawrence Kasdan) und PALE RIDER (Clint Eastwood) wieder Western mit größeren Budgets das Licht der Leinwand erblicken durften. Doch es kam nie wieder zu einer wirklichen Auferstehung dieser bis in die frühen 60er Jahre so ureigenen Filmgattung Hollywoods. Mit dem immer populärer werdenden Italowestern und seinen dreckigen, unmoralisch zwiespältigen Helden musste sich auch der amerikanische Western verändern. Auch hier wurden die Helden fehlbarer, ambivalenter und mit ihnen die Filme reflektierter. Große Kassenerfolge blieben die Ausnahme.

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HEAVENS GATE wurde dann Ende der 70er somit nicht nur inhaltlich zu einem Schwanengesang auf das einstmals gloriose Filmgenre. Und doch hatte diese Entheroisierung des amerikanischen Westernhelden über die Jahre auch ihr Gutes. Die Sehgewohnheiten hatten sich dadurch auf ganz natürliche Weise geändert. Der allmächtige Revolverheld hatte schon lange ausgedient. Auch die Rolle der amerikanischen Ureinwohner erfuhr einen Wandel. Bisher waren sie fast immer identitätslose Wilde, die von aufrechten Soldaten und Trappern bekämpft werden mussten, um Frauen und Kinder auf ihrem Weg nach Westen zu beschützen. Die Weiterentwicklung der Indianer im amerikanischen Western wäre Thema einer kompletteren  Betrachtung, die hier zu weit führen würde. Nur soviel: Arthur Penns LITTLE BIG MAN oder DAS WIEGENLIED VOM TOTSCHLAG (SOLDIER BLUE von Ralph Nelson), waren 1970 prägnante Vertreter eines sich veränderten Westerns im amerikanischen Kino. Doch es blieben Ausnahmen. Eine wirkliche Auseinandersetzung und Aufarbeitung mit der eigenen Vergangenheit im Zusammenhang mit Sklaverei und Völkermord, fand bis heute nur unzureichend statt.

Vor diesem grob skizzierten Hintergrund ist die Entstehung von QUIGLEY DER AUSTRALIERwirklich interessant. Nachdem Größen wie Harrison Ford und auch Clint Eastwood sich nicht final für das Projekt entscheiden konnten, war schließlich Tom Selleck derjenige der QUIGLEY ein Gesicht geben sollte.

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Tom Selleck

Tom Selleck sagt man ja nach, dass er sich derzeit gegen Indiana Jones und JÄGER DES VERLORENEN SCHATZES entschieden haben soll. Seit Anfang der 80er wurde er jedoch zum TV Kult Detektiv MAGNUM. Mit seinem Schnäuzer, den ultrakurzen Shorts, seiner humorigen, leicht schusseligen Art und den bunten Hawaihemden wurde er zu einem der beliebtesten Fernsehstars seiner Zeit. Doch gerade sein luftig farbenfrohes Outfit missfiel dem doch eher konservativ ausgerichteten Schauspieler. Mit steigendem Erfolg wuchs auch sein Einfluss auf die Serie. So erwirkte er für weitere Verlängerungen mit ihm als Darsteller, dass die Figur MAGNUM düsterer und weniger knallig daher kam. Auch die Gewalt, besonders die mit Schusswaffen, wurde deutlich nach oben geschraubt. Doch Selleck wollte auch im Kino eine größere Rolle spielen. Gerade seine Versuche sich dort als Actionheld zu etablieren kamen mit HÖLLENJAGD BIS ANS ENDE DER WELT (1983), oder RUNAWAY (1984) nicht wirklich ins Rollen. So blieb lediglich seine Komödienrolle in den 3 MÄNNER UND EIN BABY-Remakes in nachhaltigerer Kinoerinnerung.

Da kam das QUIGLEY-Projekt wie gerufen. Der passionierte Waffenliebhaber und heutige Vorsitzende der National Rifle Association, konnte sich mit dem aufrechten Westerner sofort identifizieren. Mit vollem Einsatz tauchte er in die Rolle ein und schuf so eine sehr glaubwürdige Westernfigur. Gerade die Mischung aus natürlichem Gerechtigkeitssinn und der handwerklichen Profession des Scharfschützen, macht die Figur, wie auch den gesamten Film wirklich sehenswert. Und doch bleibt ein fader Beigeschmack, dass Sellecksich aus heutiger Sicht so unreflektiert von der amerikanischen Waffenlobby vereinnahmen lässt.

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Ein hart erkämpfter Erfolg

Leider war Selleck und den übrigen Machern des Films zum Zeitpunkt des Erscheinens kein großer Erfolg vergönnt. Als Abenteuerfilm zu ambitioniert und als ernst zu nehmendes Drama letztendlich zu kommerziell auf ein familientaugliches Happy End hin konzipiert, ging der Film bei seinem Erscheinen 1990 eher unter. Da hatte es Kevin Costner mit seinem direkt als Historiendrama inszenierten DER MIT DEM WOLF TANZT leichter. Es war der Film den zu diesem Zeitpunkt alle sehen wollten. Endlich ein würdiges Werk, welches sich authentisch und kritisch mit der eigenen dunklen Vergangenheit auseinandersetzt. Da blieb dann kein großer Platz mehr, für einen nicht ganz so offensichtlichen Film, der seine Botschaft einem eher konventionellen Genrefilm unterordnete und sogar noch dadurch verschlüsselte, indem er sie in einem fremden Land verankerte. Doch über die Jahre, den Verleih in der ganzen Welt und die Auswertung im TV und Heimkino konnte sich der Film seinen wohlverdienten Erfolg auf der Langstrecke verdienen.

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